Durchsicht für mein Motorrad – muss das wirklich sein?

 
 
 
 
Axel Keusch und Jens Müller<br>

Ewig Geld ausgeben für Durchsichten?

Letztens war ein Kunde bei mir und fragte mich, was eine Durchsicht für seine GSF 600, Baujahr 1995, 12.000 km gefahren, kostet. Es war angeblich, wie so oft, zu teuer. "Ach nee, dann lasse ich das erstmal, bis jetzt geht ja alles." Ich begann zu erklären, warum Durchsichten gemacht werden und was dabei konkret getan wird. Es entwickelte sich ein sehr interessanter Dialog daraus, den wir hier für euch zusammengefasst haben.

 
 
 
 
 
 
Stethoskop zur Diagnose<br>

Sorgfalt für ein langes Leben

"Mein Motorrad ist jetzt schon so alt, da lass ich doch keine teure Durchsicht mehr machen!" Diesen Satz bekomme ich häufig zu hören. Es schwingt der Verdacht mit, dass Durchsichten vor allem den Hersteller und den Händler reich machen sollen. Der hier ist auch recht beliebt: "Mein Mopped hat keine Garantie mehr, da lasse ich nur noch das Notwendigste machen." Okay, und was ist "unbedingt notwendig" und was kann man weglassen? Wie ist das beim Menschen? Wer muss üblicherweise öfter zum Arzt, der Junge oder der Alte? Und ist es nicht manchmal bereits zu spät, wenn es richtig weh tut?

Foto: pixelio.de, Jens Goetzke

 
 
 
 
 
 
Zylinderkopf Suzuki GSF 650<br>

Profis haben einen (Durchsichts-)plan

Schauen wir uns näher an, was der Mechaniker bei einer Durchsicht alles macht. Nehmen wir dazu zum Beispiel diesen Durchsichtsplan. Jede ordentliche Werkstatt dokumentiert auf so einem Plan die Arbeiten. Es geht los beim Zylinderkopf und den Ventilen. Hier steht: "Zylinderkopf nachziehen, Ventilspiel prüfen beziehungsweise einstellen, Dichtungen erneuern." Der Kopf muss nachgezogen werden, da er sich lockern oder im schlimmsten Fall verziehen kann. Dadurch wird der Zylinder undicht und der ganze Motor kann kaputt gehen.

 
 
 
 
 
 
Ventiltrieb Suzuki GSX-R 1000<br>

Beim Ventilspiel wird es ernst

Das Einstellen des Ventilspiels ist eine der wichtigsten Arbeitent. Ist das Spiel zu klein, entwickelt sich zu viel Wärme zwischen Nockenwelle, Schlepphebel und Ventil. Der Ölfilm reisst ab. Dadurch gibt es einen viel höheren Verschleiß und mehr Verbrauch an Kraftstoff und Öl. Mit der Zeit werden Nockenwelle, Schlepp-hebel und Ventil immer mehr geschädigt. Das kann bis zum Totalschaden des Motors führen. Dichtungen müssen prinzipiell erneuert werden. Selbst wenn diese noch wie neu aussehen, kann es zum Austritt von Öl kommen. Was passiert, wenn Motoröl auf den Reifen kommt, kann sich jeder selbst ausmalen. "Nein, das will ich mir lieber nicht ausmalen." sagt mein Kunde in der Werkstatt.

 
 
 
 
 
 
Vergaser mit Ablagerungen <br>

Saubere Vergaser und ausreichend Luft

Weiter geht es mit den Punkten Luftfilter und Vergaser. "Läuft doch nicht schlecht, springt aber manchmal scheiße an.", gibt mancher Kunde zu Protokoll. Auch hier wird in erster Linie kontrolliert und nicht gleich erneuert. Wenn der Luftfilter allerdings zu stark verschmutzt ist, muss ein Neuer rein. Sonst gelangt zu wenig Sauerstoff in den Verbrennungsraum. Die Folge ist erhöhter Benzinverbrauch. Auch ein verschmutzter oder schlecht eingestellter Vergaser führt zu erhöhtem Benzindurst. Oftmals hört man schon im Leerlauf, ob der Vergaser ordentlich eingestellt ist oder nicht. Drehzahlschwankungen im Leerlauf deuten darauf hin, dass dort Handlungsbedarf besteht. Bei der Gasannahme kann dadurch ein sogenanntes "Loch" entstehen. Da hilft nur ein Ultraschallbad und eine ordentliche Grundeinstellung mit anschließender Synchronisation.

 
 
 
 
 
 

Neue Kerzen für sichere Funken

Kommen wir zum nächsten Punkt, dem Erneuern der Zündkerzen. "Springt doch an, läuft doch, warum also erneuern?", höre ich dann oft. Auch Zündkerzen unterliegen einem ständigen Verschleiß. Die Einsatzdauer ist vom Kerzenhersteller vorgeschrieben. Was kann passieren? Durch den Verschleiß, dem die Zündkerze unterliegt, verringert sich die Wirkung des Funkens. Dadurch steigt der Kraftstoffverbrauch. Im schlimmsten Fall bricht ein Stück von der Kerze ab und beschädigt Teile im Verbrennungsraum. Auch nicht so toll, oder?

 
 
 
 
 
 

Gutes Öl macht sauberen Job

"Warum soll ich nicht das billige Öl vom Baumarkt nehmen und jedesmal den Filter mit wechseln?", fragt mich mein Beispielkunde. "Nimmst Du Gutes, dann tust du deinem Motor Gutes!", so ein Spruch der Motorenbauer dazu. Die Qualitätsunterschiede sind im Ölbereich sehr groß. Öl ist verantwortlich für die Schmierung, die Kühlung und die Reinigung. Es sorgt dafür, dass die Kupplung sauber trennt, aber auch nicht rutscht. Gutes Öl ist über den Zeitraum von 6.000 km seinen anspruchsvollen Aufgaben bestens gewachsen. In dieser Zeit sollte der Ölverbrauch auch möglichst gering sein. Da aber das Öl auch einem bestimmten Verschleiß unterliegt (es nimmt zum Beispiel auch den Abrieb der Metallteile auf), sollte es regelmäßig erneuert werden. Der Ölfilter filtert den Schmutz aus dem Öl und sollte deswegen unbedingt mit erneuert werden. Schlecht, wenn wegen Sparmaßnahmen ein Billigprodukt verwendet wird. So kann es passieren, dass irgendwann der Ölfilm reißt und die Metallteile trocken aufeinander laufen. Was dann passiert, überlasse ich deiner Fantasie.

 
 
 
 
 
 
Seilzüge am Motorrad<br>

Ärger mit Seilzügen muss nicht sein

Seilzüge müssen in regelmäßigen Abständen auf Risse oder Abschürfungen überprüft werden. Risse der Seele, so nennt man das Stahlseil, können zum kompletten Ausfall, beispielsweise der Kupplung, führen. Ist die Hülle beschädigt, kann Wasser eindringen und den Seilzug innerlich verrosten lassen. Der Bowdenzug geht dann immer schwerer oder reisst. In der kalten Jahreszeit gefriert auch schnell mal das Wasser in der Hülle. Dann geht gar nix mehr. Außerdem steigt der Verschleiß, wenn der Seilzug kein Spiel mehr hat.

 
 
 
 
 
 
Lenkungslager<br>

Schleichend kommt die Rille

Lenkungslager werden am meisten in der Geradeausfahrtsstellung beansprucht. Das heißt, bei Unebenheiten wie zum Beispiel Schlaglöchern werden die Kräfte über das Vorderrad auf die Telegabel zu den Lenkungslagern übertragen. Dies führt dazu, dass die Lager auf der Lauffläche winzige Rillen bekommen. Das kannst du dir vorstellen wie eine Vertiefung, in welche die Lager-Kugel oder -Rolle beim Lenken hineinrollt. Man bekommt das Gefühl, die Lenkung würde in diesem Punkt "einrasten". Weil sowas ganz allmählich passiert, gewöhnt man sich daran und bemerkt das Problem nicht. Letztendlich bleibt dann nur der Austausch der Lager. Nach dem Wechsel fühlt sich der Bock wie ein ganz neues Fahrzeug an.

 
 
 
 
 
 

Federn ohne Verluste

So, nun kommen wir zur Telegabel. "Das Ding federt noch prima" wiegelt unser Musterkunde ab. Wir prüfen trotzdem sicherheitshalber die Gabel auf Dichtheit und Spiel. Sollte Öl aus der Gabel auslaufen und auf den Reifen oder auf die Vorderbremse kommen, hat das natürlich verheerende Folgen. Der Mechaniker überprüft außerdem, ob deine Telegabel nicht zuviel Spiel hat. Das würde sich negativ auf die Fahreigenschaften auswirken.

 
 
 
 
 
 
Bremsscheiben Suzuki GSR 600<br>

Mit der Meßschraube an die Stopper

Nun die Bremsen: Bremsscheiben, Bremsbeläge und die Bremsschläuche sind zu prüfen. Brems-scheiben verschleißen auf zweierlei Art. Zum einen bilden sich durch zu weit abgebremste oder schlicht die falschen Bremsbeläge mit der Zeit Riefen auf der Scheibe. Zum anderen wird die Bremsscheibe irgendwann soweit abgenutzt, dass sie nicht mehr maßhaltig ist. Die Bremsscheiben und -klötzer haben ein maximales Verschleißmaß und müssen bei jeder Durchsicht nachgemessen werden. Bremsschläuche sollten aller vier Jahre erneuert werden. Hierbei ist natürlich zu überlegen, ob man nicht gleich auf Stahlflexleitungen umsteigt. Diese sind oftmals billiger und halten einfach viel länger. Stahlflexleitungen müssen übrigens nicht in die Zulassung eingetragen werden. Es reicht, die ABE mitzuführen. Wichtig beim Thema Bremsen ist auch die Bremsflüssigkeit. Diese ist aller zwei Jahre zu erneuern.

 
 
 
 
 
 
Kette<br>

Gepflegter Kettenkit für dauerhafte Kraftübertragung

Wer gut schmiert, der gut fährt. Das gilt aber nur, wenn er auch gut reinigt und spannt. Der Kettenkit überträgt die Motorleistung auf das Hinterrad. Hierbei entstehen enorme Kräfte. Diese wiederum verursachen Reibung, welche zum Teil in Wärme umgewandelt wird. Das Kettenspray wird zur Schmierung benötigt. Die Schmierung verringert den Reibungswiderstand zwischen Kette und Kettenrad, was am Ende mehr Leistung bedeutet. "Genau, und reinigen muss ich, damit der Dreck mal runter kommt, sonst macht das mit dem Einsprühen ja keinen Sinn." ergänzt unser Beispielkunde.

 
 
 
 
 
 
Schwinge Hinterrad Suzuki GSXR 1000<br>

Auch hinten spielfrei und dicht

Die Hinterradaufhängung sollte immer spielfrei sein. Zusammen mit dem Stoßdämpfer(n) ist sie für Spur und Fahrkomfort verantwortlich. Der Stoßdämpfer wird auf Undichtheit überprüft. Auch hier könnte Öl austreten und ungünstigerweise auf das Hinterrad gelangen.

 
 
 
 
 
 
Reifen<br>

Reifen, Luftdruck und die Batterie

Das Thema "Reifen" ist sehr umfangreich. In Kürze werden wir das separat hier aufgreifen. Nur soviel schon mal vornweg: Ganz wichtig sind der richtige Luftdruck und die vorgeschriebene Mindestprofiltiefe. Es geht um deine Sicherheit und somit um dein Leben!

Die Batterie wird auch geprüft. Regelmäßige Batteriepflege ist ja für jeden Motorradfahrer selbstverständlich, oder? Also Batteriewasser prüfen, in kalter Jahreszeit immer mal nachladen und die Batterie dankt es dir mit genug Strom, sicheren Starts und einem längeren Leben.

 
 
 
 
 
 

Die spannende Frage

Letzter Punkt: die Probefahrt. "Jo, die mach ich auch am liebsten." freut sich unser Musterkunde. Eine Probefahrt hat den Zweck, eventuelle Schäden festzustellen beziehungsweise ein Fahrzeug nach der Reparatur zu überprüfen. So vergewissern wir uns, dass an deinem Motorrad jetzt wirklich rundum alles funktioniert .

Nun sag mir offen und ehrlich:

WAS kann man bei einer Durchsicht weglassen, um etwas Geld zu sparen?